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Veröffentlicht am 11.07.2015 von Nemesis

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Tiamat

Opium fürs Volk

„Judas Christ“ – nicht nur der Titel der aktuellen Platte der Skandinavier läßt einen zweimal hingucken, auch das neue Material hat es in sich. Mit „Vote For Love“ haben Johan Edlung und seine Mannschaft zudem einen potentiellen Hit (auch wenn ich dieses Wort absolut nicht leiden kann) im Gepäck, der nicht nur in der düsteren, melancholischen Heavy-Ecke für Aufsehen sorgen sollte, sondern auch bei den Radios abstauben könnte. „Die Single scheint auch bereits sehr gut zu laufen“, gibt Basser Anders Iwers zu. „Wobei es uns schon schwer gefallen ist, einen Song auszuwählen. Wir sind nun mal keine Single-Band, sondern eher die ‚Album-Typ’. Doch vielleicht ist das unsere einzige Chance, auch mal in den Single-Charts etwas zu reißen, und „Vote For Love“ ist einfach der einnehmendste Song auf der aktuellen Platte.

„Glaube hat nichts mit Kirche zu tun“

Doch wirft der Tieftonmeister auch ein, daß man gerade eine Band wie Tiamat nicht an Single-Auskopplungen fest machen sollte. „Eine Single kann eine gute Möglichkeit sein, neue Leute auf die Band aufmerksam zu machen…. so als eine Art Appetizer.“ Wobei es Tiamat mit dem Titel des neuen Albums auch schaffen dürften, so manchen Gläubigen auf den Plan zu rufen – oder besser gesagt: Auch hier auf sich aufmerksam zu machen. „Der Titel richtet sich nicht gegen Christen, sondern gegen die Kirche. Wir wollten dieses Thema einfach auf den Tisch bringen. Wir kämpfen nicht gegen den Glauben. Das Thema Religion ist für mich persönlich auch nicht wichtig, aber interessant. Der christliche Glaube ist der bekannteste, derjenige, mit dem die meisten Menschen am besten vertraut sind.“

Toleranz vs Staat

Und genau deswegen werden Religionen auch heute noch supergern mißbraucht. Und wir Deppen lassen uns auch nach jahrhunderte-, jahrtausendelanger Erfahrungen immer noch von solchen Machenschaften in die Irre leiten. „Religionen sind nach wie vor das Opium fürs Volk. Den Mob beschäftigen und von anderen Dingen ablenken. Wir haben die Entwicklung allerdings selbst in der Hand. Zeigen sich die Menschen toleranter gegenüber Andersgläubigen, hätten die Regierungen absolut keine Chance mehr.“

„Man sollte eine Platte für sich selbst machen“

Na, wenn sich die Menschheit schon nicht gerade in die positivste Richtung, wenn überhaupt, weiterentwickelt, wenigstens im Kunstbereich passiert so etwas noch. Und vergleicht man Tiamat anno 2002 mit den ersten Scheibchen der Band… uiuiui. „Wir waren eigentlich immer davon überzeugt, daß wir uns weiterentwickeln würden. Aber in diesem Maße haben wir nicht gedacht. Oft sind wir selbst am meisten überrascht, in welche Richtung sich das alles gemausert hat. Am Ende war nie eine Platte so, wie wir sie uns erst vorgestellt hatten. „Judas Christ“ war so, wie der Output nun geworden ist, auch nicht geplant. Es sollte einige Elemente aus „Skeleton Skeletron“ auffangen. Dort hatten wir gute Ideen und auch die Art zu Spielen auf jener Platte mögen wir. An manchen Stellen bricht dies auf dem neuen Silberling auch auf, aber im Großen und Ganzen, vermengen sich hier doch mehr Einflüsse. Wenn man Songs schreibt, kann man das Ergebnis nur an der eigenen Meinung messen, daher ist es auch besser, eine Platte in erster Linie für sich selbst zu machen. Man muß ehrlich zu sich selbst sein und seine Gefühle miteinbringen. Veröffentlicht man eine CD und mag sie aber selbst nicht, ist man auch nicht ehrlich zu den Hörern.“

Manchmal muß es einfach nur grooven

Anders sieht sich selbst schon als Perfektionisten, allerdings nicht im Sinne eines Frickelfuzzis. „Wir streben nicht nach einem Perfektionismus à la Dream Theater. Wir wollen mit dem Ergebnis zufrieden sein. Es hängt auch immer von der eigenen Stimmung ab, welche Musik mich selbst am meisten berührt. Wenn ich Freunden in einer Kneipe sitze und mein Bier festhalte, kommt AC/DC einfach passender als etwas Melancholisches. Wenn ich alleine bin, schalte ich bei der Musik schon mal einen Gang runter. Ich finde es total schön, daß man mit Musik sowohl Traurigkeit als auch Aggressionen ausleben kann.“

Werte und Respekt vermitteln

Inwieweit man allerdings für durch Mucke erzeugte Aggression (was im .. na ja, sagen wir mal.. Normal-Metal-Bereich trotz der Meinung des Otto-Normal-Verbrauchers einfach nicht der Fall ist) offen ist und sich Wut auf die Birne klatschen läßt, hängt auch wieder von verschiedenen Faktoren ab. „Meiner Meinung nach spielt die Erziehung eine sehr sehr große Rolle. Es sind nicht nur die ‚ahnungslosen’ Musiker, die mit solchen Themen oder Atmosphäre spielen. Mir wurden als Kind Werte und Respekt vermittelt, doch in der heutigen Überzivilisation sieht das schon wieder ganz anders aus.“ Ich bin der coole Gangsta von nebenan und wer mich ungebeten auch nur nach der Uhrzeit fragt, kriegt was aufs Maul. Ohne Vorwarnung versteht sich, sonst isses ja nich cool. Müßiges Thema, daß einen nur in die Tastatur beißen läßt, wenn man sich länger darüber Gedanken macht. Also zurück zu angenehmen Dingen.

Proben wie die Geier

„Ich bin wirklich happy, wenn ich merke, daß unsere Musik Menschen berührt. Der wichtigste Schritt für Tiamat war immer, spontan zu sein, nicht über den nächsten Schritt zu grübeln. Wir haben auch falsche Entscheidungen getroffen, doch wir bereuen das nicht.“ Eine wichtige Entscheidung steht für die Band allerdings noch an: Die Setlist für die nächste Tour. „Wir werden allerdings unsere Fans nicht mitbestimmen lassen. Zum einen müßten wir eine Show über Stunden spielen, da die Faves nun mal so verschieden sind. Und zum zweiten müßten wir Proben wir die Geier, um uns so manchen Song wieder draufzupacken, hehe.“ Na na na, was ist das denn für eine Arbeitseinstellung.

photocredit: https://www.facebook.com/tiamat/photos

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