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Veröffentlicht am 04.11.2015 von Nemesis

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Interview Therion über Deggial

Therion über Deggial

Über Kirche und Diktatur

Gitarrist und Mastermind Christofer Johnsson, übrigens ein ausgesprochen intelligenter Zeitgenosse, wenn auch mit ein paar seltsamen Anschauungen, hatte mal wieder zu geschlagen. Mit Deggial lieferten Therion eine weitere Glanzleistung ihrer Karriere in Sachen Gothic meets Metal meets Klassik ab. Manch einem mag die Pause zwischen dieser Scheibe und der Vorgängerplatte Vovin nicht gerade lang erscheinen, doch Christofer sah das alles recht locker: „Solange wir genügend brauchbare und gute Ideen haben, um Alben zu schreiben brauchen wir uns doch nicht darum zu kümmern, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Outputs liegt, oder“, lacht der Gute.

„Nö, jetzt mal im Ernst: Wir sind selbst sehr kritisch wenn es um unser Material geht und wir würden nie etwas abliefern, das wir selbst scheiße finden. Sicher, nach einiger Zeit findet man immer Sachen, die man besser umsetzen hätte könne, doch im Moment bin ich mit Deggial ausgesprochen zufrieden.“ Nun, das ist ja die Hauptsache, denn die Reaktionen der einschlägigen Magazine waren ja auch nicht gerade von schlechten Eltern, sondern eigentlich durch die Bank sehr gut, was Christofer aber unumstößlich nicht sonderlich interessiert. Der Band muss es gefallen und den Fans, basta.

Von Gott befreit

Aber mal zur Thematik der Platte: Deggial ist der Name eines Anti-Messiahs einer alt-arabischen Voraussage, aber mehr dazu von Christofer selbst: „Es handelt sich hier nicht um eine andere Form des Anti-Christen, sondern vielmehr um einen Charakter, der die Menschen von Gott ‚befreit‘.“ Sorry, aber für mich auf eine Art ziemlich kaputt, denn wer weiß, wieviel Menschen froh sind, an Gott glauben zu können und aus diesem Glauben Kraft schöpfen zu können – und solang´s keinem weh tut. „Ich bin der Meinung, dass sich die meisten vom Christentum abhängig machen und nicht in der Lage sind, selbst zu entscheiden.

Diese Personen nehmen die Bibel als Anleitung, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Und außerdem sollte man nur mal bedenken, wie viele Menschen im Namen des Christentums umgebracht worden sind.“ Ich will ja nix sagen, aber da schaut´s ja zur Zeit mal ganz anders aus und andere Glaubensrichtungen bekleckern sich nicht unbedingt mit Ruhm. Also ist es doch eigentlich egal, irgendein Depp zieht irgendwas immer irgendwie ins Verkehrte. Sich allerdings der Einfachheit halber immer nur auf die christliche Religion einzuschießen ist zum ersten kindisch und zum zweiten auch langsam lächerlich, zumal bei genauerem Hinsehen mehr als in vielen anderen Religionen die Kraft zur Selbstentscheidung gefragt ist – und Scheuklappen-Denken ist nun auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Mals ins rechte Licht gerückt

Ebenso allgemein die Frage im Glauben nach dem Gewissen, das erfahrungsgemäß bei manchen Leuten, die sich mit gar keiner Religion auseinander setzen oder die sich wichtigeren Dingen, wie dem lieben Geld zum Beispiel, unterwerfen, weit weniger ausgeprägt ist. Lässt man mal die Institution Kirche und Fanatisten jeglicher Coleur außen vor, lässt sich am Christentum oder anderen Glaubensrichtungen wahrlich nichts verwerfliches finden, denn hier spielt es etwa schon einmal eine große Rolle, Menschen mit anderer Einstellung nicht anzuklagen und zu verurteilen, sondern zu akzeptieren.

„Da sage ich ja auch gar nichts dagegen. Nur finde ich die Art, wie diese Institution verkauft wird, einfach veraltet. So nach dem Motto: Mach` dieses schon und jenes nicht, und du bist ein guter Mensch. Die Kirche stellt für mich eine Art Diktatur dar, und viele Gläubige unterwerfen sich dieser. Und wohin uns Dikaturen geführt haben, sieht man an Geschehnissen, wie dem zweiten Weltkrieg, als die Menschen wie lauter Bekloppte diesem Kasper Hitler nachgelaufen sind. Unter dem Banner der Christlichkeit wurden in diesem Krieg abertausende Juden getötet. Diktaturen sind das größte Übel dieser Welt und für mich ist die Kirche da Vorreiter, da sie den Menschen vorkaut, wie alles zu sein hat.“

Das Übel vorgekauter Meinungen

Erstens sollte man mal Glaube und Kirche unterscheiden. Zweitens ist die politische Seite der Kirche mit Sicherheit nicht repräsentativ für das, wofür ein Thema eigentlich steht. Oder findet es irgendwer christlich, Gelder zu unterschlagen? „Ja klar und auch dies: ‚INRI‘ (das Geschreibsel am Kreuz, ihr wisst schon) steht für ‚König der Juden‘. Bezieht man diese Tatsache also einmal in das Handeln Hitlers mit ein, sollte man eigentlich erkennen, dass es sich hier sicher nicht um einen von Christen geführten Krieg handelte, sondern um eine Bekämpfung derer, die an Gottes Dreiergespann festhielten und mit der Urform dieses Glaubens wahrscheinlich enger verbunden waren als so mancher Christ jener Zeit. Der Meinung vieler nach nach war der zweite Weltkrieg in erster Linie ein Glaubenskrieg, der Kampf um die Weltherrschaft kam hier erst an zweiter Stelle. Doch die Leute, die das am genauesten wissen, haben Gott sei Dank das Zeitliche gesegnet.

Aber wiederum an diesem Beispiel sieht man dennoch, wie wenig sich die Leute zu Eigenständigkeit durchringen können. Die Geschichte hat einfach gezeigt, wie verheerend es sein kann, wenn man einer vorgegebenen Meinung folgt und welche Rolle die Kirche hier spielt: Nun, dazu habe ich meine Meinung.“ Die sei Christofer auch gegönnt. Doch es ist irgendwie schade, solche Urteile zu fällen, ohne Unterschiede machen zu können. Denn diejenigen, die blind irgendeiner Staatsmacht folgen, könnten vielleicht gerade durch ihr Gewissen mehr Rückrat entwickeln, um sich davon abzuwenden. Man kann nur hoffen, dass dies auch auf die Menschen zu trifft, die unter dieser oder jener Regierung wurbeln – und eines steht fest: So manche Wahl liegt nicht im Sinne und Willen des Menschen.

photocredit:By cgo2 (Therion) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

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