Interviews

Veröffentlicht am 11.03.2016 von Nemesis

0

Interview Evergrey

Dark Side Of Life

Evergrey haben sich mit jeder neuen Platte wieder übertroffen und auch mit dem Silberling Recreation Day haben die Schweden erneut neue Maßstäbe in Sachen Dark Prog Power Metal gesetzt. Sänger Tom S. Englund – neben der kompletten Stilistik und der Gefühlsintensität der Band wohl DAS Aushängeschild Evergrey´s sah aber exakt jenes Vorhaben als halb unmöglich. Bis heute reißen die eindringlich melancholisch kraftstrotzenden Gothic Heavy Hymnen der Band nichtab, wie auch der neueste Streich Hymns For The Broken beweist.

Die Platte ist sicher keine ruhmreiche Darstellung des Todes

„Die Vorgängerplatte war definitiv schwer zu toppen“, begann der sympathische Frontmann das Gespräch. „Der neue Output kommt noch besser an als all unsere Platten zuvor. Wir nehmen mit jedem Album neue Elemente in den Sound auf, dennoch wird es im Grunde immer nach Evergrey klingen. Vielleicht ist es das, was den Leuten gefällt. Wir könnten gar keine CD herausbringen, die nicht nach uns klingt.“

„King Of Errors“

Egal, welches Album der Schweden man sich zu Gemüte führt, als Fan metallischer Klänge wird man an jeder einzelnen Scheibe seine Freude haben. „Solche Reaktionen zeigen uns natürlich, dass wir anscheinend im Laufe der Jahre wirklich etwas richtig gemacht haben“, lacht Tom. „Wir konzentrieren uns stets in erster Linie auf den Song, das Gefühl. Daher verlieren wir uns auch nicht in den progressiven Passagen. Das Wichtigste an Recreation Day war, die Scheibe fertig zu bekommen.

Doch teilweise haben wir fünfzig Stunden am Stück Songs geschrieben

Wir wollten nicht wieder unter Zeitdruck arbeiten, doch wir hatten im vergangenen Jahr derart viele tolle Möglichkeiten, live zu spielen, auf Festivals dabei zu sein, das wir nicht ablehnen konnten. Am Ende sah es so aus, dass wir das Studio für den 13. September gebucht hatten und exakt an jenem Tag war noch kein einziger Song geschrieben.“ So mancher Künstler würde unter solchen Umständen schon mal schnell am Rad drehen. Nicht so aber Evergrey, die sich nach eigenen Worten unter Druck so richtig am Riemen reißen können.

„Der neue Output war die bisher härteste Platte zu machen. Unter Druck können wir unser Bestes geben, das haben wir nun festgestellt. Doch teilweise haben wir fünfzig Stunden am Stück Songs geschrieben – ohne Schlaf, ohne sonstwas. Und das über Wochen hinweg. Das ist nicht sehr gesund“, witzelt Tom. Dementsprechend happy war der dann wohl nicht mehr so muntere Haufen, als endlich alles im Kasten war.

„A Touch Of Blessing“

„Oh ja. Und besonders, wenn wir zu hören bekommen, dass den Leuten die Scheibe gefällt, fangen wir auch wieder an, sie für das, was sie ist, zu mögen. Wir schrieben wirklich Songs wie blöd. Vielleicht ist es schnelles Arbeiten in dieser Richtung aber auch eine gute Möglichkeit, sich auf das Wesentliche, die Emotionen zu konzentrieren.“ Auch wenn die Band durch das viele Live-Spielen fast arg in Bedrängnis gekommen wäre, war dies wohl eine der wichtigsten Stationen bisher für Evergrey.

„Wir haben aus dieser Zeit auch eine Sache mit in die aktuelle Produktion übernommen. Evergrey waren an sich schon immer eine gitarrenorientierte Band, doch kam das bei den vorhergehenden Produktionen selten so rüber, die Keyboards standen beim Mix mehr im Vordergrund. Diesmal hat das aber wunderbar geklappt.“

Nicht so besonders begeistert ist der Sänger von der Tatsache, dass die CD an die Presse als Promo rausgeschickt wurde, die die Texte nicht beinhaltet. „Bei uns sind die Texte die Hälfte des ganzen Produkts, sie sind uns sehr wichtig und dem entsprechend viel Mühe und Gedanken stecken auch dahinter.“ Recreation Day befasst sich mit dem Tod und wie es für einen Menschen sein kann, einen anderen zu verlieren. Im Grunde dreht es sich also um die Zeit danach.

Der Zustand der Gesellschaft

Nicht gerade das unterhaltsamste Thema, aber auch nicht das unwichtigste. „Es gibt derart viele Reaktionen auf den Tod eines nahestehenden Menschen wie es Menschen gibt – auf jeden Fall eine Menge verschiedener. Stirbt das eigene Kind an Krebs, begeht der beste Freund Selbstmord – es ist immer etwas anderes. Die Platte ist sicher keine ruhmreiche Darstellung des Todes. Zum Beispiel: Ich finde, Selbstmord hat etwas sehr egoistisches, denn die, die am meisten darunter leiden, bleiben zurück. Doch andererseits kann man auch nicht in einen Menschen hineinsehen und ihn dafür verurteilen, dass er so verzweifelt ist. Man muss dieses Gefühl respektieren.“

„A Night To Remember“ (Full Concert)

Wobei es nicht selten der Fall ist, dass sich dadurch auch wieder der Zustand der Gesellschaft, der Umwelt eines Menschen, erkennen lässt. Ohne Grund entscheiden sich wohl die wenigsten zu einem solchen Schritt. Man kann sich auf jeden Fall vorstellen, dass eine CD wie Recreation Day interessierte Hörer und diejenigen, die sich mit den Lyrics befassen, für das Thema ‚Tod’ im Allgemeinen etwas sensibler machen könnte.

„Hm, weiß nicht. Es ist nicht mein Ziel, zu provozieren oder etwas Bestimmtes zu bewirken mit den Texten, die ich schreibe. Ich erzähle nur ‚meine’ Geschichte. Die meisten Menschen werden erst dann sensibler für dieses Thema, wenn sie selbst mit dem Tod konfrontiert werden und sich damit auseinander setzen müssen. Uns ist es enorm wichtig, über das schreiben zu können, was uns bewegt. Sonst wäre das Ganze nicht halb so emotional – wir wären schlicht und ergreifend nicht Evergrey. Die Musik, meine Texte und ich – das alles bin ich.“

Kampf den Krankheiten

Was nicht heißt, dass Tom eine negative Kritik als Kritik an seiner Person sehen würde. „Ich kümmere mich nicht so sehr darum, was über die Band geschrieben wird. Die Meinung der Fans ist es, die uns interessiert.“ Interessant übrigens, was Tom tun würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte – nachdem er selbst die Nachrichten als Einfluss für seine Gedankenwelt und somit seine Musik sieht, ist es eigentlich nur logisch, dass man sich vielen negativen Dingen in letzter Zeit ausgesetzt fühlt.

„Ich würde sämtliche Krankheiten eliminieren. Ein Krieg ist eine Sache, an der man als einzelner kaum etwas ändern kann. Viel schlimmer ist der Krieg, der in einem selbst tobt, wenn man krank ist. Man versucht alles, klammert sich an jeden Strohhalm. Das soll nicht heißen, dass ich Krieg gut finde, doch was Menschen unter Krankheiten zu leiden haben, empfinde ich als noch schlimmer. Und irgendwann ist es nicht nur der Körper, der krank ist. Durch ständige Hoffnung, Enttäuschung, was unter solchen Umständen aus dem eigenen Leben wird, macht einen auf Dauer auch psychisch fertig.“

Die Band:

Gesang, Gitarre: Tom S. Englund

Gitarre: Henrik Danhage
Bass: Johan Niemann
Schlagzeug: Jonas Ekdahl
Keyboard: Rikard Zander

Veröffentlichungen:

The Dark Discovery
Solitude, Dominance, Tragedy
In Search of Truth
Recreation Day
The Inner Circle
A Night to Remember – Live 2004 (auch als DVD)
Monday Morning Apocalypse
Torn
Glorious Collision

Aktuelle Platte:

Hymns for the Broken

photocredit: By Cecil; with permission of Nosturi-organiser Elmu ry (Own work) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Tags: , ,


About the Author



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top ↑
  • Aktuelle Artikel

  • PARADOX Musikmagazin

  • Newsletter

    Trage ich hier in unsere Newsletter ein und bekomme von uns immer alle Szene-News aus erster Hand!

  • Monatsübersicht