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Veröffentlicht am 18.09.2015 von Nemesis

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Interview Floor Jansen

„Stehenbleiben? Das wäre nicht ich“

Ebenfalls beachtlichen Nachschub lieferte seinerzeit Floor Jansen mit den Holländern After Forever, die bereits mit Prison Of Desire ein mehr als beachtliches Debut abgeliefert hatten. Auch der Zweitling Decipher räumte sehr gut ab, doch noch hält sich die Begeisterung nach Sängerin Floor Jansen in Grenzen. Die Gute ist mittlerweile die neue Sängerin an der Front von Nightwish, insofern trifft es die Überschrift mehr als gut. Und es ist dabei sicher für Fans interessant, ihre damaligen Meinungen, Träume und Einstellungen mit zu bekommen – sozusagen als kleine Reminiszenz an ihre Anfänge.

Floor´s Anfänge

„Ich hoffe derzeit, dass wir mehr Leute erreichen können, als mit der ersten Scheibe, die ja wirklich schon sehr gut lief. Wir haben direkt nach der Veröffentlichung von Prison Of Desire angefangen, neue Songs zu schreiben und haben in der Zwischenzeit einige Konzerte in Holland und Belgien absolviert. In die Arbeit an der neuen Platte war jedes Bandmitglied involviert – und was soll ich sagen: Hier sind wir“, lacht die junge Sängerin durchs Telefon. Nicht nur in songwriterischer Hinsicht haben sich alle auf die Socken gemacht, auch persönlich steckt eine ganze Menge der jungen Musiker in der Platte.

Also keine 08/15-Texte der Marke ‚er liebt mich, er liebt mich nicht’. „In erster Linie war es uns wichtig, sowohl an unseren jeweiligen Instrumenten als auch bezüglich des Songwritings besser zu werden, und ich finde, dass wir einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Viele meinten zwar, unser Debut sei eines der besten in den letzten Jahren gewesen, doch ganz ehrlich: Ich kann mich dazu nicht äußern, es ist schwierig, über sich selbst zu urteilen.“ Ein sehr interessanter Aspekt bei After Forever ist gerade Floor´s Performance, präsentiert die Sängerin doch neben klassischem Gesang auch die ‚normale’ Variante, was einfach mehr Abwechslung in den Sound bringt.

„Mir persönlich ist es auch wichtig, mich nicht nur auf eines zu limitieren. Ich hatte nie Unterricht, lediglich hinsichtlich der Atemtechnik eine gute Basis, da ich früher Flöte gespielt habe. Ich mag Tarja´s Gesang (Nightwish) sehr gern, aber ich kann mir vorstellen, dass einem das vielleicht auf Dauer zu viel wird, wenn ständig nur Operngesänge kommen. Ich finde Abwechslung auch hier wichtig. Ich habe mir alles selbst beigebracht, und ich lerne immer noch. Die Kombination aus dem Wissen um die Technik und eigenen Zielen und verschiedene Gesangsarten zu lernen ist eine sehr gute Möglichkeit, seinen eigenen Stil zu finden.“

Wenn man keine Ahnung hat…

Leider ist ja immer noch so, dass viele Hörer eine Menge vielleicht über Drum-und Gitarrenspieltechniken wissen, aber von Gesang hat halt kaum einer eine Ahnung. Da heißt´s immer, der oder die könne gut oder gar nicht singen. „Viele wundert es auch, wenn man eine eher tiefe Sprechstimme hat, aber beim Gesang höher liegt. Die Gesangsstimme ist nun mal eine ganz andere und keiner kann sehen, was im Kehlkopf eines Menschen passiert. Ich denke, daher ist es auch schwer, Gesangstechniken nachzuvollziehen, wenn man nicht selbst singt.“ Jo, stimmt. Die Fragezeichen im Gesicht von vielen Leuten stehen jedenfalls stets Schlange, wenn mal wieder mit solchen Themen und Erklärungen angefangen wird.

Ungebeten versteht sich, denn Wissen teilt man ja selbstlos. Die auch im Gesangsbereich angesprochene Entwicklung gerät bei Floor allerdings schon manchmal zur richtigen Krux, ist die junge Lady doch durch und durch Perfektionistin und kann einfach nicht aufhören, nach neuen Zielen zu streben. Nicht nur bei der Musik.

Generell will sie so viel wie möglich lernen, alles, was man nicht kann, muss her. So in etwa. „Das ist oft schon eine Belastung. Bekomme ich Bestätigung von außen, hilft mir das in diesem Moment und lässt mich zufriedener fühlen, doch dann bricht wieder der Gedanke durch, dass man dieses und jenes doch noch besser machen, ausbauen könnte. Ich bin mit meiner Leistung, meinem Können nie wirklich zufrieden.“ In einem gewissen Maße ist dieses Streben nach ‚Wachstum’ ja gesund und besonders die heutige Gesellschaft sollte sich eine Scheibe von Floor´s Einstellung abschneiden.

Song über die Perfektionistin

Aber die geistige Lahmarschigkeit des Großteils der Gesellschaft scheint stets von wenigen wuseligen Gesellen wieder in Relation gebracht werden zu müssen. Die einen haben ein kleines Hirn und wissen selten, was sie damit anfangen sollen. Die anderen haben eine Erbse im Kopf, die ab und zu knallt und wieder andere sehen sich lediglich als stolze Besitzer eines Zettels auf dem ‚Hirn’ draufsteht. Irgendwer muss halt dann wieder fürs Gleichgewicht sorgen.

Wobei: Zurück in die Höhle hätte auch gute Aspekte. Man hätte keinen Mietvertrag und könnte daher auch keinen Ärger wegen zu lauter Musik bekommen. „Der Song „The Key“ handelt von der Perfektionistin in mir. Und es ist manchmal sehr frustrierend, wenn du dich nie wirklich über deine Leistung freuen kannst. Man macht und macht und ist dennoch nicht mit sich zufrieden – das kann einen schon runterziehen. Ich sollte mir mal langsam eine andere Einstellung angewöhnen. Wenn zehn Dinge zu tun sind, sollte ich mich eigentlich freuen, wenn schon eines davon erledigt ist und dann zum nächsten Punkt übergehen. Für mich ist die Musik eine tolle Möglichkeit, mich auszudrücken, das alles einmal herauszulassen.

Studium oder Risiko?

Ich bin zwar jung, habe aber doch schon eine Menge erlebt. Ich könnte mir auch einen einfacheren Weg suchen, mein Studium hinschmeißen, einen Nebenjob machen und mich ansonsten nur auf die Musik konzentrieren – einfach weniger Verpflichtungen eingehen. Doch so zu agieren, das wäre nicht ich. Ich kenne viele Leute, die sich absolut null weiterentwickeln“, gibt die Studentin für Musiklehramt zu Bedenken. „Die meisten Leute haben Angst vor Neuem, und das schließt auch neue Ziele und Herausforderungen mit ein. Man sollte diese Angst überwinden und was aus seinem Leben machen. Zur Zeit bin ich mit meinem Leben eigentlich, es geht mir nicht schlecht, aber wer sagt, dass ich das mit 50 mit diesem Lebensstil auch noch bin. Man muss sich ständig neue Ziele suchen und sich weiterentwickeln, um überhaupt glücklich werden zu können. Ich habe in meinem Studium gelernt, dass man zwischen neun Arten von Intelligenz unterscheidet, wie musikalischer, mathematischer… Intelligenz.

Und jeder Mensch verfügt über mindestens einen Punkt. Wer allerdings in mehreren Richtungen talentiert ist, kann schnell ein Problem bekommen, da man sich ja eigentlich allem gebührend widmen möchte. Doch was ich sagen möchte, ist eigentlich: Es gibt eine Menge ungebildeter, dummer Menschen, doch eigentlich müsste das keiner sein, denn jeder hat sein Talent, eine Gabe. Nur wird sie von den Wenigsten genutzt oder auch von außen gefördert.“ Nur wie ich den einen oder anderen Pappenheimer kenne, wird aus diesem Interview nur der Einfachheit halber folgendes Fazit gezogen: Setze dich keinen neuen Herausforderungen aus, suche dir keine Ziele, ruhe dich auf dem aus, was du hast und streng dich bloß nicht an.

„Dann redet man sich ein, dass man doch glücklich und zufrieden mit seinem Leben ist, selbst wenn es gar nicht erfüllend sein mag, und ist man es nicht, sind Hinz und Kunz schuld.“ Schließlich muss man furchtbar aufpassen, nicht genauso umtriebig und ehrgeizig wie Menschen wie Floor zu werden. Batz! Und ganz ehrlich: Wer dieses Fazit zieht und keine Balance aus beidem findet, der sollte sich extrem überlegen, ob ein neue Denkweisen nicht schlecht wären.

photocredit:By LUIS BLANCO PRESS PHOTOGRAPHER [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

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