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Veröffentlicht am 23.09.2015 von Nemesis

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Interview Evereve

Schlangenlinien zwischen den Genres

Evereve haben auch bei ihrem neuen Album an alles außer Stillstand gedacht. Sänger Michael ist sehr zufrieden – mit dem Ergebnis und allem, was bisher so rund um die Langrille passiert. „Einige langjährige Fans haben das Album auch schon gehört und finden es klasse – vor allem, weil auch wieder mehr Gitarren zu hören sind. Und auch die Leutchen, die die Elektro-Elemente an unserem Sound mögen, kommen auf ihre Kosten. Die Kombination aus beidem haben wir diesmal besser hinbekommen. Es ist schön, so viele freudige Gesichter zu sehen. Man liebt oder hasst Evereve – aber man ignoriert uns nicht“, freut sich der Frontmann.

Gerade, wenn man aber mit seinem Sound Fans verschiedener Richtungen an spricht, kann es schon mal stressig werden, wenn man erst anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, was wer erwarten könnte. Darum lassen Evereve das gleich weg. „Wir machen uns da keine Gedanken, sondern gehen unsere Linie. Sicher schaut man rechts und links, und wir wissen, daß wir uns innerhalb eines gewissen Rahmens bewegen sollten. Doch in dem kann man ganz gut Schlangenlinien fahren. Und die Leute sind oft aufgeschlossener als man denkt. In der Linie werden Kategorien durch die Presse geprägt, weniger durch die Fans selbst“, erzählt Michael von seinen Erfahrungen. Diejenigen, die uns kennen, wissen auch, dass Evereve nicht in eine Schublade passen. Wir sind ein ganzer Schrank. Und ein Stück weit unberechenbar.

Musik muss ehrlich sein

Was wir tun, tun wir intensiv. Nicht so´n 80 %-Kram oder so. Sicher, nicht alle Songs fallen so persönlich aus, aber manche haben durchaus den Charakter eines Seelenstriptease und enthalten sehr viel Persönliches.“ Das als Grundbaustein zu nehmen, der nötig ist, dass sich die Hörer wiederum mit einem Album identifizieren können, liegt Michael allerdings fern. „Ich denke, sich so extrem einzubringen und seine eigenen Erfahrungen intensivst umzusetzen ist kein Garant dafür, dass sich auch andere wirklich von der Musik angesprochen fühle. Sie muss einfach nur ehrlich sein. Doch die Erfahrung zeigt auch wieder, dass so extrem persönliche Songs anscheinend authentischer wirken können und so auch schnell angenommen werden. Bei diesen Superstars etwa, die sängerisch schon gut sind, spürt man eben, dass die Stücke, die sie bringen, die authentisch sind.“

Selbstmitleid in der Gothic-Szene

Eine Sache, die dem einen oder anderen Talent, manchmal auch Anti-Talent, auch künftig zur Falle werden könnte. „Stücke, die so von extrem innen heraus kommen, sind oft nicht leicht, bei komplexen Texten spüre ich auch oft den Zwiespalt, dass ich eigentlich alles rauslassen möchte, aber auch wieder nicht zuviel preisgeben will. Ich versuche das dann mehr in Bilder auszudrücken. Ich will einfach nicht zu verwundbar sein.“ Was irgendwo verständlich ist, andererseits: Sollen einem Fans einen Strick draus drehen, dass man seine Gefühle zum Ausdruck bringt? Das wär´ schon arg kaputt. „Stimmt schon, für mich ist das aber immer wie eine Gratwanderung. Man hat das Bedürfnis, etwas loszuwerden und doch wieder Angst vor der eigenen Courage. Ich finde aber auch nicht, dass man das Gefühl zum Selbstzweck nehmen sollte. Dieses Selbstmitleid findet man in der Gothicszene so oft. Wir sind erwachsen genug, um zu wissen, dass man mit Selbstmitleid nicht weiterkommt.“

Menschen beobachten, Eindrücke einbringen

Wie einigen vielleicht bekannt ist, absolvierte Michael ein Psychologiestudium, das er nun abgeschlossen hat. Er ein solches Backgroundwissen hat und dazu Menschen noch gut beobachtet, kann sich demzufolge durchaus eine fundierte Meinung bilden. „Ich beobachte Personen bei jeder Gelegenheit, in der Straßenbahn, im Bus. Und man sieht heute so oft in sich gekehrte Menschen und einfach nur ins Leere blicken. Das liegt mit Sicherheit auch an der momentanen wirtschaftlichen und politischen Situation. Es läut absolut nicht optimal zur Zeit. Ich blicke dieser Tage in viele leere Gesichter – Leute, die in ihre eigene Welt versunken sind. Das Ganze hat zwei Trends zur Folge: Der eine ist, dass immer mehr nur für sich selbst leben, der andere, daß die Partywelle aus Angst noch stärker wird.“

Rückzug oder Ablenkung

Doch wie soll man denn bitte am besten mit dem Ganzen umgehen – denn Michaels Einschätzung dies Allem wirkt schon wie eine kleine Kritik an der Gesellschaft. Die ist ja angebracht, aber in Bezug darauf, dass jemand einfach etwas wirklich als seelisch belastend empfindet und nicht damit umgehen kann? „Man muss einfach irgendwie damit klarkommen. Es gehört zur Natur des Menschen, sich entweder zurückzuziehen oder sich extrem abzulenken. Man muss sich einen Mechanismus, damit umzugehen, bereit legen, sonst dreht man durch. Natürlich ist das alles belastend. Viele wissen, dass ein Job von neun Uhr morgens bis 18 Uh nicht alles im Leben ist, doch die meisten leben nur so. Ich selbst schwanke zwischen Wut und Ignoranz, zu vielen Dingen fehlen mir schlicht die Worte. Zudem muss ich zugeben, dass ich eine latent schlechte Meinung von Menschen habe.“

Raus aus dem Ego und auf die Bühne

Ist ja auch nicht so unverständlich. „Und diese Meinung wird von den Leuten auch immer wieder aufs Neue bestätigt. Als Band beschäftigen wir uns auch lieber mit anderen Themen als Politik. Jeder hat seine inneren Dämonen. Wir müssen uns auch nicht bei Konzerten oder in Songs zu Politik äußern. Kleine Spitzen kommen natürlich immer wieder. Wir sind keine Freunde des Irak-Krieges, doch sich dazu in Songs zu äußern, überlassen wir lieber Liedermachern oder Punkbands, die das einfach besser können.“

Michael findet, dass es aber auch zu einem wirklich lebendigen und ehrlichen Leben gehört, eine Meinung zu haben und zu vertreten. „Wir müssen aus dieser ‚Egal’-Phase raus. Ebenso ist es uns wichtig, bei unseren Konzerten Lebendigkeit zu verbreiten. Nicht etwa, daß Leute zu unseren Konzerten kommen, weil es für abends auf dem Terminkalender steht und einem das nicht wirklich etwas gegeben hat. Genau darum dreht es sich im ersten Song unserer neuen Platte, er spiegelt das typische eben wieder: Futtern, wachsen, sterben. Zwischendurch sollte man auch mal leben und sich nicht nur treiben lassen.“


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